KI im Einkauf: 7 Thesen, warum dein Team in zwei Jahren anders aussieht

Martin Orthen
Transformation, Digitalisierung & Organisationsentwicklung
55BirchStreet
Wir verbinden Strategie, Menschen und Technologie, um Veränderung greifbar zu machen. Nachhaltige Transformation mit Wirkung und Verantwortung.

Wann hast du zuletzt eine Stelle im Einkauf ausgeschrieben — und dich dabei gefragt, ob es diese Rolle in zwei Jahren überhaupt noch gibt?

KI verändert nicht nur, wie wir im Einkauf arbeiten. Sie verändert, wer in einer Einkaufsorganisation Wert schafft — und wer nicht. Martin Orthen — seit über 25 Jahren in der Beratung, Gründer von 55BirchStreet und navar.ai — hat dazu sieben Thesen formuliert. Unbequem, aber notwendig. Wenn hier von „Fire" die Rede ist, geht es nicht um Kündigungen — sondern darum, Tätigkeiten und Denkweisen loszulassen, die der Zukunft im Weg stehen.

Wen du morgen brauchst

These 1: Lerngeschwindigkeit schlägt Erfahrung. „Wer nach Erfahrung einstellt, kauft sich die Vergangenheit." Die Tools von heute gab es vor zwei Jahren noch nicht. Die von übermorgen kennen wir noch nicht. KI nivelliert Routinevorteile — der Unterschied entsteht durch Adaptionsgeschwindigkeit und Tool-Fitness. Skills-basiertes Hiring wächst laut LinkedIn-Daten messbar schneller als erfahrungsbasiertes Recruiting — und das nicht erst seit gestern.

These 2: AI-Fluency ist die neue Baseline. „AI-Fluency ist 2026, was Excel 1995 war — nur zehnmal schneller." Shopify, Fiverr und Duolingo machen KI-Kompetenz bereits zum Einstellungskriterium. Ein BCG/Harvard-Experiment zeigte: KI-gestützte Arbeit steigert die Geschwindigkeit um über 25 % und die Qualität um über 40 %. Für den Einkauf heißt das: AI-Fluency gehört in jede Stellenausschreibung — und die Frage im Bewerbungsgespräch lautet: „Zeig mir deinen KI-Workflow für eine Spend-Analyse."

Was sich an der Arbeit selbst ändert

These 3: KI macht den Durchschnitt billiger. „Output ist Commodity — Urteilsvermögen ist die neue Währung." Generative KI liefert einen Marktüberblick oder Vertragsentwurf in Minuten. Der Wert liegt nicht mehr im Erzeugen, sondern im Bewerten: Welche der fünf KI-generierten Verhandlungsstrategien löst das Problem? Wer das nicht beurteilen kann, produziert nur Noise.

These 4: Stellenprofile sind technische Schulden. Laut BCG liegt die Halbwertszeit eines Skill-Sets bei unter drei Jahren. Ein „SAP-Berater" braucht heute KI-Prompting, API-Verständnis und Change-Kompetenz — die Job Description ist dieselbe wie vor fünf Jahren. Pragmatischer Ansatz: Ein jährlicher Rollen-Reality-Check und bei jeder Neubesetzung die Rolle grundsätzlich hinterfragen.

These 5: Sachbearbeiter ist ein Verfallsdatum. Wer Prozesse nur ausführt, konkurriert mit Software. Wer sie gestaltet, nicht. Der strategische Einkäufer, der morgens mit KI Spend-Daten analysiert und nachmittags per automatisiertem Sourcing neue Lieferanten identifiziert — das ist der AI-Multiplikator. Das Profil der Zukunft. Es geht nicht darum, Menschen zu ersetzen — sondern darum, ihre Rolle weiterzudenken.

Was dich aufhält

These 6: Erst die Küche putzen, dann den Roboter einschalten. „Wer KI auf Chaos deployt, skaliert Chaos." Die Roomba-Analogie macht es greifbar: Der Saugroboter ist perfekt gebaut — aber wenn Socken und Kabel auf dem Boden liegen, verteilt er den Dreck nur schneller. In den meisten Einkaufsorganisationen scheitert KI nicht an Technologie, sondern an dem, was vorher schon nicht funktioniert hat: unklare Prozesse, fragmentierte Daten, Wissen in den Köpfen Einzelner. Vor jedem KI-Projekt: Prozessschulden tilgen und Datenhygiene herstellen.

These 7: Der Adoption-Blocker ist der teuerste Mitarbeiter. Ein Senior Manager, der KI nicht nutzt, sendet ein Signal an sein ganzes Team. Aber Blockade ist selten ein individuelles Problem — sie ist ein systemisches Symptom. Hat die Person ein geschütztes Lernformat bekommen? Belohnt das Anreizsystem Adoption? Wer Adoption will, muss Strukturen schaffen, in denen Nicht-Mitmachen schwieriger wird als Mitmachen — und gleichzeitig Räume, in denen Unsicherheit erlaubt ist.

Was du diese Woche tun kannst

  1. Nimm eine offene Stelle vor und frage dich: Schreibe ich die Vergangenheit aus — oder die Zukunft?
  2. Identifiziere eine ausführende Tätigkeit und prüfe, ob KI sie in der halben Zeit erledigt — nicht um jemanden zu ersetzen, sondern um die Person für gestaltende Arbeit freizusetzen.
  3. Stell dir die Küchen-Frage: Welche Prozessschulden stehen einer erfolgreichen KI-Integration im Weg? Schreib die drei größten auf — und mach den ersten zum Projekt.

Der Kompetenzvorsprung, den du heute aufbaust, ist morgen die Markteintrittsbarriere für deine Wettbewerber.

Wer überlegt, wie er seine Einkaufsorganisation für diese Realität aufstellt — sprecht uns an. Bei 55BirchStreet machen wir genau das.

Über den Autor: Martin Orthen berät seit über 25 Jahren Unternehmen bei der digitalen Transformation. Als Gründer von 55BirchStreet und navar.ai beschäftigt er sich mit der Frage, wie KI Organisationen und Rollen verändert. Dieser Artikel basiert auf seiner Keynote „Who to Hire? Who to Fire? In an AI Era".

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