

Die ersten Prototypen sind ausgeliefert, der Kunde ist zufrieden mit Design, Qualität und Umsetzung – jetzt kann es losgehen mit der Vorserie. Die Entwicklung ist noch nicht ganz abgeschlossen und doch müssen die ersten voll funktionalen Geräte beim Kunden stehen.
Die Vorserie ist ein Spagat zwischen technischer Reife, Teileverfügbarkeit und Termintreue.

In dieser Phase wird deutlich, ob die Abläufe im Unternehmen funktionieren. Planung, Kommunikation und interne Abstimmung geraten unter Druck. Kleine Versäumnisse wie unvollständige Stammdaten oder nicht freigegebene Verträge können große Auswirkungen haben.
Stellen wir uns vor: Das Produkt ist fertig, die technischen Anforderungen sind erfüllt, und der Kunde wartet auf die Lieferung der ersten Produkte. Trotzdem steht die Fertigung, nicht etwa, weil die Technik bremst, sondern das System. Wer kennt es nicht – eigentlich würde ich gerne bestellen, aber der Lieferant ist noch nicht im ERP-System angelegt. Materialnummern fehlen oder lassen sich nicht bestellen. Rahmenverträge wurden noch nicht abgeschlossen.
Genau das zeigt, dass ein funktionierender Materialfluss nicht nur von Bauteilen abhängt. Auch Prozesse, Systeme und interne Disziplin sind entscheidend. Wer diese Stolperfallen nicht frühzeitig adressiert, riskiert trotz guter technischer Vorbereitung massive Verzögerungen und Vertrauensverluste.
Um dies zu vermeiden, haben wir die 4 wesentlichen Phasen der Materialflussorganisation in der Vorserie zusammengestellt.
Viele Lieferanten kennen das Produkt aus der Entwicklung bereits gut und sollten auch in der Vorserie als strategische Partner weiterhin eng eingebunden werden. Diese enge Zusammenarbeit reduziert das Risiko von Versorgungsengpässen und sichert, dass alle an einem Strang ziehen.
Denkt an:
Ergänzend lohnt sich die enge Verknüpfung mit Engineering und Entwicklung aber auch dem Vertrieb als cross-funktionales Team. Lieferrelevante Details wie Lacke, Toleranzen oder Qualifikationsnachweise sollten tagesaktuell zwischen den Teams abgestimmt werden.
In der Vorserie beginnt die Überführung in stabile Prozesse. Dazu gehört auch die Vorbereitung von Rahmenverträgen. Zwar sind Mengen und Spezifikationen oft noch nicht final, dennoch lohnt sich ein früher Einstieg in die Vertragsgespräche.
Mögliche Ansätze können sein:
Vertragsmanagement in dieser Phase bedeutet, Spielräume zu schaffen, ohne die Verbindlichkeit aus den Augen zu verlieren. Es hilft, schon früh Strukturen zu etablieren, die später in die Serie übernommen werden können.
Parallel zur Vertragsgestaltung mit dem Hauptlieferanten sollte intern bereits eine Second-Source-Strategie vorbereitet werden. Ziel ist es, alternative Bezugsquellen frühzeitig zu identifizieren, qualifizieren und im Bedarfsfall aktivieren zu können.
Fehlende oder unvollständige Materialstammdaten sind einer der häufigsten Bremsklötze im Vorserienprozess. Gerade weil viele Stakeholder beteiligt sind (Entwicklung, Einkauf, Dispo, Qualität), müssen die Aufgaben gut koordiniert und das Team straff geführt werden.
Die Stammdatenqualität ist keine technische, sondern eine Managementaufgabe. Ohne klare Verantwortlichkeiten laufen selbst die besten Tools ins Leere.
Ein funktionierendes Produkt muss in der Vorserie nicht zwangsläufig schön sein. In der Praxis hat sich gezeigt: Wer Farbabweichungen oder nicht serienreife Bauteile unter definierten Bedingungen akzeptiert, bleibt lieferfähig.
Beispiele für konstruktiven Pragmatismus:
Dieser Ansatz stößt oft auf Skepsis, doch er ist in vielen Hightech-Umfeldern gelebte Realität. Unter dem Prinzip "fit-for-function" lassen sich viele Lieferengpässe überbrücken, ohne das Produktversprechen zu brechen. Die Voraussetzung: ein sauber dokumentiertes Deviation Management und klare Kommunikation zwischen Engineering, Einkauf und Qualitätssicherung.
Ein interessanter Nebeneffekt: Die kreative Kombination unterschiedlicher Komponenten kann in der Praxis zu neuen Erkenntnissen führen, etwa in Bezug auf Designrobustheit oder Lieferantenperformance. Was als Kompromiss beginnt, kann so zur Innovationsquelle werden.
Wer die Vorserie als eigenständige Disziplin versteht und nicht als bloße Verlängerung der Entwicklung, kann den Unterschied machen: zwischen Reaktionsdruck und Handlungsfähigkeit.
Jetzt interessiert uns eure Perspektive: Welche Herausforderungen habt ihr in der Vorserie erlebt? Welche Lösungen oder kreativen Ansätze haben bei euch funktioniert? Schreibt uns oder kommentiert direkt – wir freuen uns auf den Austausch!