

"Im Einkauf steckt noch enormes Einsparpotenzial."
Diesen Satz höre ich beinahe täglich. Meist geht es dann um neue Lieferanten, harte Preisverhandlungen oder Digitalisierung. Alles wichtige Themen.
Doch manchmal liegt das größte Einsparpotenzial gar nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit.
In einem Kundenprojekt habe ich mich nicht mit Ausschreibungen oder neuen Verträgen beschäftigt. Stattdessen habe ich eine systematische Vertragsprüfung im Einkauf durchgeführt und bestehende Verträge, Bestellungen und Rechnungen miteinander abgeglichen.
Das Ergebnis überraschte selbst mich.
Innerhalb weniger Wochen konnten rund 250.000 Euro zurückgeholt werden.
Nicht weil Lieferanten bewusst falsch abgerechnet hatten.
Nicht weil Mitarbeiter betrügen wollten.
Sondern weil niemand den gesamten Prozess im Blick hatte.
In vielen Unternehmen läuft der Beschaffungsprozess arbeitsteilig ab.
Der Einkauf verhandelt den Vertrag.
Die Fachabteilung bestellt Leistungen.
Der Dienstleister erbringt seine Arbeit.
Die Rechnung geht in die Buchhaltung.
Und irgendwo dazwischen bestätigt jemand die Leistung.
Jeder erledigt seinen Teil gewissenhaft. Trotzdem entsteht häufig eine Lücke.
Denn niemand prüft konsequent, ob die tatsächlich erbrachte Leistung noch mit dem ursprünglichen Vertrag übereinstimmt.
Gerade bei Dienstleistungsverträgen, Wartungen, Rahmenvereinbarungen oder langfristigen Projekten verändert sich der Leistungsumfang im Laufe der Zeit oft schleichend.
Leistungen werden reduziert, Aufgaben verschieben sich oder einzelne Bestandteile entfallen vollständig. Die Rechnung bleibt jedoch häufig unverändert.
Nicht aus böser Absicht.
Sondern weil sich Prozesse verselbstständigen.
Der Einkauf investiert viel Zeit in Ausschreibungen und Preisverhandlungen.
Es werden Einsparungen erzielt, Verträge sauber formuliert und Konditionen optimiert.
Doch wenn anschließend niemand überprüft, ob genau diese Leistungen auch tatsächlich erbracht werden, verpufft ein Teil dieser Erfolge wieder.
Man könnte sagen:
Der Einkauf schließt vorne die Haustür ab – während hinten das Fenster offensteht.
Genau deshalb endet die Verantwortung des Einkaufs nicht mit der Vertragsunterschrift.
Gerade im strategischen Einkauf gehört auch die Begleitung der Vertragslaufzeit dazu.
Die Ursachen sehe ich in Projekten immer wieder.
Zum einen fehlt häufig die Transparenz.
Verträge liegen an einem Ort, Bestellungen in einem ERP-System, Leistungsnachweise in E-Mails und Rechnungen in der Buchhaltung.
Zum anderen fehlt oftmals die Zeit.
Im operativen Tagesgeschäft konzentriert sich vieles auf neue Anforderungen. Bestehende Verträge laufen einfach weiter.
Besonders kritisch wird es bei wiederkehrenden Rechnungen.
Hat eine Rechnung den Freigabeprozess einmal erfolgreich durchlaufen, wird sie häufig Monat für Monat nahezu automatisch bezahlt.
Dabei verändert sich die Realität häufig schneller als der Vertrag.
Die gute Nachricht lautet:
Für viele dieser Themen braucht es weder ein neues ERP-System noch ein großes Transformationsprojekt.
Bereits wenige systematische Prüfungen schaffen Transparenz. Eine regelmäßige Vertragsprüfung im Einkauf sorgt dafür, dass vereinbarte Leistungen, Bestellungen und Rechnungen dauerhaft zusammenpassen. Dadurch werden Kostenfallen frühzeitig erkannt und unnötige Ausgaben vermieden.
Beispielsweise lohnt es sich,
Oft entstehen daraus erstaunlich schnelle Erfolge.
Nicht selten lassen sich Rückforderungen realisieren oder zukünftige Kosten unmittelbar reduzieren.
Interessanterweise entdecken externe Berater solche Potenziale häufig schneller als interne Teams.
Nicht weil sie mehr wissen.
Sondern weil sie unbelastet auf bestehende Abläufe schauen.
Sie hinterfragen Selbstverständlichkeiten.
Warum wird diese Leistung eigentlich noch bezahlt?
Wer bestätigt sie überhaupt?
Und wann wurde der Vertrag zuletzt überprüft?
Genau diese einfachen Fragen führen häufig zu den größten Hebeln.
Viele Unternehmen investieren erhebliche Ressourcen in neue Einsparprogramme.
Dabei schlummern die größten Potenziale oft bereits im Bestand.
Wer eine regelmäßige Vertragsprüfung im Einkauf etabliert und dabei Verträge, Leistungen und Rechnungen konsequent miteinander abgleicht, verbessert nicht nur seine Kostenstruktur, sondern stärkt gleichzeitig Compliance, Transparenz und Prozessqualität. Die 250.000 Euro waren deshalb nicht das eigentlich Bemerkenswerte.
Bemerkenswert war vielmehr, dass dieses Potenzial über Jahre unentdeckt geblieben war.
Wie ist eure Vertragsprüfung im Einkauf organisiert? Prüft ihr regelmäßig, ob die bezahlten Leistungen tatsächlich den vertraglichen Vereinbarungen entsprechen?