Lieferantenmanagement & Category Management: So wird die Lieferantenbasis zum Erfolgsfaktor

Manfred Richter
Technischer Einkauf & cross-funktionale Engineering-Schnittstelle
Cross-funktionaler technischer Einkauf: Ich kombiniere Ingenieurwissen und Strategie für effiziente, risikoarme und nachhaltige Beschaffung.

Einige Jahre her: ich bin zu früh im Besprechungsraum und warte auf die weiteren Teilnehmer. Es war ein Projektraum der IT, an der Wand eine eindrucksvolle Übersicht der vielen Daten, die in SAP geführt werden: 

  • Daten aller Produkte, die gefertigt und verkauft werden, Beispielbilder dazu

  • alle kundenrelevanten Daten: Aufträge, Bestände und Forecasts dazu. Die A-Kunden wurden stolz genannt: namhafte Firmen

  • Daten für die Produktionssteuerung, um Kundenaufträge beliefern zu können

Was fehlte? Die komplette LieferantenBASIS !!!

  • die Stammdaten zu 3.000 aktiven Lieferanten wurden nicht erwähnt

  • natürlich wurden auch keine A-Lieferanten oder „Systempartner“ genannt

  • keine Erwähnung von über 30.000 Einkaufsartikeln und deren Disposition

Was bedeutet das? 

Nicht mehr und nicht weniger das die Hälfte der Firmenstruktur „vergessen“ und damit für nicht wichtig erachtet wurde. Unglaublich. 

Im Gegensatz dazu finde ich die folgende Grafik sehr gelungen: 

Zuliefernetzwerk: dieser Begriff gefällt mir richtig gut

Die Grafik startet mit der „Rohstoffgewinnung“ und dem „Zuliefernetzwerk“. Im Unternehmen findet dann eine mehr oder weniger tiefe Wertschöpfung (sprich Produktion) statt und ein „Vertriebsnetzwerk“ verkauft die Produkte schließlich. 

Ich kann nicht verstehen, dass für viele ein Unternehmen gedanklich erst mit der Produktion beginnt. Und man bei Logistik „nur“ an die Vertriebslogistik, die sogenannte Distributionslogistik, denkt. Immerhin gibt es seit vielen Jahren den Begriff Supply Chain. Durch die aktuellen, geopolitischen Krisen verstehen nun viele besser, was Versorgungssicherheit bedeutet und dass diese alles andere als selbstverständlich ist. 

Mein Lieblingsbeispiel: einem Gebrauchtwagenhändler ist völlig klar, welche Bedeutung der Einkauf der Autos für seinen  wirtschaftlichen Erfolg hat. Gut, ein Autohändler  hat keine Produktion in dem Sinne und auch keine Produktentwicklung, aber ich glaube Ihr versteht, was ich mit dem Beispiel sagen will. 

LieferantenBASIS: ein strategischer Wettbewerbsvorteil

Die LieferantenBASIS, deren Leistungsfähigkeit, Flexibilität und Wettbewerbsfähigkeit ist eine Basis für das gesamte Unternehmen. In den letzten Jahren, mit der Optimierung der Wertschöpfung in der Supply Chain und der Einbindung von Lieferanten in den PEP, den Produktentstehungsprozess, wird das mehr und mehr gesehen und gelebt. 

Im technischen Einkauf gibt es „Entwicklungspartnerschaften“ mit Lieferanten und „Systemlieferanten“. Das ist etwas ganz anderes als „früher“ der Einkauf von „Rohstoffen“ und einer viel höheren Fertigungstiefe als heute üblich. Heute ist die „richtige“, sprich „passgenaue“ Lieferantenbasis, ein wesentlicher Baustein für den wirtschaftlichen Unternehmenserfolg. Oft betragen die Material- und Komponentenkosten mehr als 50 % der Herstellkosten. Wenn man dort besser aufgestellt ist als der Wettbewerb, hat man einen Wettbewerbsvorteil. Nicht nur wegen dem Preis, auch wegen Qualität und dem „time to market“. 

Die Automobilindustrie spricht von Tier-1 bis Tier-3 Lieferanten. Tier-1 Lieferanten sind Entwicklungspartner und liefern komplexe Systeme und Module, z.B. Pleuel, Kardanwellen, LED-Beleuchtungsmodule oder komplexe Gehäuse und Strukturteile. Für die Herstellung dieser Komponenten braucht ein Tier 1-Lieferant „nachgeordnete“ Tier-Lieferanten in der Supply Chain. 

Ich durfte in mehreren Firmen an und mit der LieferantenBASIS von Tier 1 Lieferanten arbeiten. Das ist ein „reguliertes Umfeld“. Es gibt übrigens viele Gemeinsamkeiten mit der Medizintechnik: sehr hohe Sicherheitsanforderungen, daraus folgen hohe Qualitätsanforderungen und hohe Produkthaftungsrisiken. 

LieferantenMANAGEMENT: hier wird die Lieferantenbasis optmiert

Das Lieferantenmanagement  kümmert sich um die Lieferantenbasis: 

  • von Anfang an, also bei der Aufnahme von neuen Lieferanten:

Prüfung, ob der potenzielle Lieferant die erforderliche Qualität herstellen kann 

      Potenzialanalyse: gibt es entsprechende Zertifikate und Produkt-know-how? 

  • können mit dem Maschinenpark die geforderten Toleranzen eingehalten werden? 

Oft wird dazu ein Lieferantenaudit durchgeführt.

  • passt die Firmengröße und organisatorische Struktur des Lieferanten zu den technischen Anforderungen der Zulieferkomponenten und zu dem zu vergebenden Einkaufsvolumen?

  • die Liste der freigegebenen Lieferanten wird vom Lieferantenmanagement geführt 

  • immer, wenn es Qualitäts- oder Lieferprobleme gibt, kümmert sich das Lieferantenmanagement und erstellt und verfolgt Maßnahmenpläne

  • das Lieferantenmanagement führt auch bei wiederholten Qualitätsproblemen, allgemein bei schlechter Performance oder in definierten zeitlichen Abständen, Lieferantenaudits durch

  • neue strategische Lieferanten werden gemeinsam mit dem Einkauf identifiziert, angefragt und später gezielt entwickelt

  • schließlich werden jährliche Lieferantenbewertungen durchgeführt

sowie der jeweilige Handlungsbedarf abgestimmt 

  • aus der Lieferantenbewertung folgt, welche Lieferanten entwickelt werden müssen, weil deren Performance bei Qualität und Liefertreue nicht ausreicht

 

Das Lieferantenmanagement ist organisatorisch an der Schnittstelle Einkauf und Qualitätssicherung angesiedelt. Gemeinsam wird auch am Risk-Management gearbeitet: Wenn sich eine Single-Source nicht vermeiden lässt, wie sichert man dann Qualität und Liefertreue trotzdem weitestgehend ab? Das beginnt mit der Verhandlung einer formellen Liefer- und Qualitätssicherungsvereinbarung und geht über in den Aufbau eines partnerschaftlichen Vertrauensverhältnisses mit enger Zusammenarbeit. 

Category MANAGEMENT: hier werden die Materialgruppen  einzeln optimiert 

Beim Category Management wird die Lieferantenbasis für jedes definierte Materialgebiet einzeln analysiert, ständig beobachtet und strategisch gemanagt. 

Für jede Gruppe gibt es eine eigene Warengruppenstrategie für die Optimierung der Parameter Qualität, Risiko, Kosten und Innovation. Hier geht es um Bedarfsbündelung bei Lieferanten, single- oder second-source Politik, mögliche Entwicklungspartnerschaften mit Lieferanten und wie diese gestaltet und gelebt werden. 

Oft sind die strategischen Einkäufer nach Materialgruppen organisiert und übernehmen auch die Category Manager- Funktion. In größeren Unternehmen mit mehreren internationalen Werken und hohem Einkaufsvolumen gibt es meistens eine eigene Organisation für das Category Management. In beiden Fällen werden gezielt strategische Verhandlungspositionen für die Materialgruppen aufgebaut. 

LieferantenENTWICKLUNG: hier werden Lieferanten gezielt entwickelt 

Die Lieferantenentwicklung startet klassisch mit der Arbeit an einem 0-Fehler Konzept, an hoher Liefertreue und Flexibilität. Es geht aber um viel mehr: 

Lieferanten können ein Wertschöpfungsmotor sein: abgestimmt auf die eigene Fertigung im Hinblick auf die wirtschaftlich optimale Fertigungstiefe und auf die Logistik, immer mit einem gesamtheitlichen Blick auf die Gesamtkosten (total cost Betrachtung).  

Auf welcher Stufe steht aktuell Deine LieferantenBASIS? 

Stelle Dir doch bitte einmal selbst die Frage, wo Deine LieferantenBASIS aktuell steht: 

  • Stufe 1 Ad-hoc: Excel-Listen, reaktive Qualifizierung, reiner Preisfokus
    → das Ergebnis sind meist viele Lieferanten, praktisch keine Struktur vorhanden

  • Stufe 2 Gesteuert: Basiskennzahlen (ppm, Anzahl der Reklamationen, Liefertreue), Jahresgespräche: erstes Arbeiten an einer Lieferantenstruktur
    → immerhin ein Anfang

  • Stufe 3 Integriert: Warengruppenstrategien, enge Zusammenarbeit mit den Lieferanten im Produktentstehungsprozess, Struktur in der LieferantenBASIS
    → ab hier wird´s strategisch

  • Stufe 4 Ganzheitlich: ausgewählte Lieferanten als echte Geschäftspartner für cross-funktionale Projekte, should-costing bis hin zum Value Engineering, End-to-End-Risiko-Betrachtung, insgesamt eine optimierte Lieferantenstruktur
    → das ist das Ziel

Es lohnt sich für Dein Unternehmen, gezielt an der LieferantenBASIS zu arbeiten !!!
Nutze die LieferantenBASIS und den Einkauf als Wertschöpfungsmotor. 

Weitere Infos zu diesem und weiteren Einkaufsthemen bekommst Du in den Blogbeiträgen der Procurement Buddies oder wenn Du mit uns Kontakt aufnimmst.

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